Archiv für November 2005

Kopfhaut

Ich werfe meinen Kopf in den Nacken und starre die Dachrinne an. Ich hebe nicht den Kopf Stockwerk für Stockwerk emporkletternd an der rauh geputzten Fassade mit den seltsam außenliegenden Strebpfeilern, an denen das Auge nicht so leicht abrutscht. Auch nicht linksrechtslinksrechts an den tief innen liegenden Fenstern vorbeischweifend. Mit „RFID!“ hatte er seinen thread gefunden. Diese kleinen Chips, die demnächst selbst im Obst versteckt den Konzernzentralen zuwispern, was ich so treibe in den geheiligten Kaufhallen. Er spricht sich warm mit harmlosen Betrachtungen über die Vorteile bei der
Lagerhaltung. Seine kleinen engen Augen bohren fahrig in meine Richtung, als hätte er in mir den einzig kompetenten Adressaten für dieses Thema gefunden. Hoffentlich setzt sich da nicht eine Taube hin und scheißt uns auf den Tisch, denke ich streng. Warum habe ich eigentlich keine Angst, daß mal etwas Schweres von da oben runterfällt? Was, wenn einer der Insassen der Büros einen emotionalen Tiefstand erreicht und mit dem Monitor nach dem Fenster wirft? Wieso dürfen hier Tische aufgebaut werden? Den Redeschwall unterbrechen diese Überlegungen nicht.
„Kopfhaut!“ sage ich barsch nach oben. „Unter die Kopfhaut damit!“ Ich lasse dabei das Haupt schwer fallen und sehe ihn ernst an. In Verteidigungshaltung aber ohne Unterbrechung schwallt er weiter und baut meine Vokabeln sauber ein, womit er erwartungsgemäß beim Überwachungsstaat angelangt ist. Ich denke, vielleicht sollte ich mit ihm auftreten: Standup Poetry. Ich rufe ihm in unregelmäßigen Abständen Stichwörter zu und er baut sie ohne Pause in seine Suada ein. So ein bißchen wie Pozzo und Lucky. Rede, Schwein! Harald Schmidt hat den Lucky in Bochum gegeben, denke ich, und bin auf eine Art froh, daß ich sein leicht ergrautes Haupthaar noch nie ohne Zopfgummi gesehen habe.
Ich wende den Kopf zu ihr. Sie guckt wie: „Siehste. Ihm fehlt halt das Gen für soziale Situationen!“ während sie an ihrer Zigarette mümmelt.
Meine rechte Hirnhälfte hält mir die Ohren von innen zu. Die Mimik ihrer Tochter ist mit Kaugummi beschäftigt und sie wirft mir Blickblitze zu, wenn ich es nicht sehen soll. Generationen müssten neu erfunden werden, gäbe es kein Kaugummi, denke ich etwas zusammenhangslos und überlege, wann er denn bei weltumspannenden RFID-Verschwörungen angelangt sein wird. Sie spricht dazwischen, das sie mir noch was geben wolle, was im Auto sei. „Was denn geben?“ frage ich um die Gesamtlage zum Quietschen zu bringen. Lenke dann aber schnell ein, um keine Verlegenheit aufkommen zu lassen. Wir stehen freundlich auf und gehen zügig. Die Tochter ist schon grußmurmelnd weg und er sitzt da und nichts mehr spricht aus ihm außer den kleinen runden traurigen Augen.

30. Nov 05

Perfekter Tag

Während die heimatliche Region mit Sturm und Leichentuch marodiert wird, setze ich mich in eine östliche Landeshauptstadt ab. Short Messages raunen vom Herzstillstand einiger Teile der Provinz und ich habe eine perfekte Morgensonne aus fleckenlosem Azur. Kitschiger Puderzucker segelt von Autodächern.

Der Hauptbahnhof ist scheints nur Haupt: die Funktion erschließt sich nur auf dem unteren Niveau. Realiter ist es eine mehrstöckige Kaufhalle wie jede andere auch. Womöglich könnte ein Ausgesetzter hier jahrelange überleben, ohne das Gebäude verlassen zu müssen.
Beim Vorüberhasten kippt uns eine erhöhte Polizeikapelle lauwarmen gesüßten Griesbrei in die Ohren. Eine swingende Vollblechversion von „Imagine“ mit ambitionierter Phrasierung, sodaß ich erst nach einigen zehn Takten das harmonische Grundgerüst erkenne. „Auch das haben wir Yoko zu verdanken!“ lästermaulen wir uns an den Wochenenddienstschiebenden vorbei, ohne ihre staatsdienernden Infozettel zur Kenntnis zu nehmen.

Wir erstürmen den Wochenmarkt. Während mein Gastgeber mit gerunzelter Stirn Auslagen studiert, verankere ich mich zwischen Wurstware und Käse schräg gegenüber der Italienischen und französischen Spezialität. Auf der Bühne eine ob der Kälte Zartrosane und ein Schwarzer mit sehr rundem Gesicht. Hase Cäsar, denke ich beim Anblick seiner perfekt gestalteten Schneidezähne, die nicht eine Sekunde von den vollen schwarzen Lippen verdeckt werden. Nach oben hin rundet ihn ein fesches Käppi ab und heiter betextet er eine Gruppe Endzwanziger unterschiedlicher Nationalität, die seinen Wagen am rechten Rand belagern. In unerklärlicher Choreographie umtanzen sie sich und sprechen lachend dazu. Hier fehlt die ordnende Hand und tatsächlich: ein Ruck geht durch die Gruppe,es nähert sich eine weitere Person, unübersehbar das Alphatier dieser Vereinigung, armiert in Jeans und Lederjacke auf grobstolligen hohen Schuhen. Mit dem letzten Schritt steht er mitten in der Gruppe begrüßt als erstes den Speziälitätenverkäufer und wendet sich anschließend bald hierher, bald dorthin seinen Gefährten zu. Die Füße schulterbreit mit Fußwinkel etwas unter einhundert Grad stecken die Arme in den aufgesetzten Jackentaschen und die abgewinkelten Ellenbogen schaffen viel umbauten Raum. Das wiederholte leichte Drehen lassen einen halben Rotationskörper entstehen. Das Wippen in den Knien ist nicht der Kälte geschuldet.
Das beherrschte Gesicht ist moderat verwüstet. Der Kopf ruckelt den Verkehrsraum ab. An seinen Schultern hängen die Gesichter seiner Gefährten, mal rechts mal links und sich abwechselnd in wiederum unerklärlicher Rangfolge.

Und da! Ich hatte gehofft, daß es passieren würde und es passiert! Ein warmer Strom durchfährt mich und ich muß sehr heftig lächeln. In den Knieen wippend fährt er mit den zu knochigen Kämmen gekrümmten Finger in zwei drei kurzen rhytmischen Bewegungen durch sein nach hinten geglättetes üppiges Haupthaar. Und wieder! Ich strahle. Es wird ein perfekter Tag werden..

27. Nov 05

Gamma

Les Gammas n’existe pas!
Les Gammas existe!
Les Gammas n’existe pas!
Les Gammas existe!

Les Gammas ont trois jambes
Les Gammas ont une trompe

 

24. Nov 05

Besonnen

Ich will auch nachts besonnen sein.
Vor allem im Winter.

24. Nov 05


That´s right. the secret word for tonight war Frank Zappa.
I can’t wait to see what it’s like
On the outside now…
18. Nov 05

Wazoo

Folgendes statement fand ich bei einem ADSler, borderliner und gleichzeitig einem der wichtigsten musikalischen Zeitgenossen (meiner Zeit, wohlgemerkt):

„Versuche Dir mal vorzustellen, was das Gegenteil von Einsamkeit ist. Denk nach. Dass die ganze Welt Dich liebt? Was ist das? Verstehe doch, daß Du isoliert bist. Geniesse das! Freue Dich! Sei doch froh, daß da nicht ein Haufen Leute sind, die Deine Zeit verschwenden. Weil mit all der Liebe und der Bewunderung, die Du von den Leuten bekommst, ohne die Du einsam wärst, kommt auch der emotionale Ballast, den Du ertragen must, und zwar von den Leuten, die Deine Zeit verschwenden, und die kriegst Du nie zurück. Also, wenn Du einsam bist und alleine, was hast Du wohl? Du hast Deine ganze Zeit für Dich. Und das ist ein verdammt gutes Geschäft. Sowas kannst Du Dir nirgendwo kaufen. Und jedesmal, wenn Du raus gehst, und Dich in Gesellschaft derer begibst, die „nett“ zu Dir sind, damit Du Dich nicht einsam fühlst, dann vergeuden die Deine Zeit. Und was kriegst Du dafür? Nachdem sie nett zu Dir waren, wollen sie jetzt auch was von Dir. Und sie haben Dir doch schon Deine Zeit genommen! Einsamkeit ist kein schlechtes Geschäft. Sie ist ein gutes Geschäft!.“
#
Gues who.

17. Nov 05

Ich starre auf einen leeren Stuhl.
Vielleicht hat sie einfach Schiß, höre ich.
Ich versuch´s mit etwas Wut
dann mit Desinteresse
Schnell das Gefühl konservieren
Muß bis morgen früh reichen
und dann ab nach Hause.
16. Nov 05

Unmögliche Beweisaufnahme – in memoriam Hans Erich Nossack

Der Kammerpräsident wollte zu einem so frühen Zeitpunkt nicht Passagier in seinem eigenen Verfahren werden: Was wolle der Angeklagte damit sagen?
Ob es denn eine Interpretationsmöglichkeit gäbe? Er hätte schließlich zugegeben, daß er Eindrücke gesammelt hatte über diese Person. Daß er keine Anstalten gemacht habe, diese Eindrücke zu verbergen.
Eindrücke? machte der Staatsanwalt. Sie meinen diese Tonnen von Bildchen, Zeitungsausschnitten, Filmen etc! Angesichts der schieren Menge erschiene ihm der Begriff „Eindrücke“ doch etwas euphemistisch.
Der Präsident ging auf diese Polemik nicht ein. Stattdessen fragte er, ob der Angeklagte diese Handlungen als normales Verhalten bezeichnen wolle?

Normal? Der Angesprochene zeigte sich verwirrt und der Präsident korrigierte sofort seinen Fehler: Üblich, meine ich. Üblich im Sinne von: das macht jeder.

Ja, in irgend einer Form sammele doch jeder Eindrücke über jeden Zustand des Lebens. Da er ein etwas unterentwickeltes Gedächtnis und wenig Phantasie besitze, müsse er mit Krücken wie Ton- und Bilddokumenten arbeiten. Natürlich sei dies umständlich und alles andere als perfekt. Er hätte sich aber nicht anders zu helfen gewußt.

Zu helfen? Wobei? Beim Erstellen einer Legende der Zielperson eines Verbrechens doch wohl! Der Staatsanwalt meinte, daß es schon wieder Zeit sei zu etwas polemischer Auffrischung.

Einspruch! Davon ist doch nichts bewiesen! meldete sich nun auch der Verteidiger zu Wort.

Ein mulmiges Gefühl stieg im dünnen Körper des Kammerpräsident empor. Ein Gefühl des Ausgleitens auf einer Schicht dünnen Eises wenn nicht sicher ist, ob ein Hinfallen oder ein Einbrechen die Folge morgendlichen Verlassens der sicheren Wohnung sein würde.

Zur Sache meine Herren. Wie ich den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft entnehme, haben sich außer großen Mengen verschiedenen Materials über die verschwundene Person auch Einbruchswerkzeuge in der Wohnung gefunden. Herr Angeklagter, sie haben in den Vernehmungen zu Protokoll gegeben, daß Protokoll ist hier nicht immer eindeutig, daß sie damit keinen bestimmten Zweck verbunden haben. Halten Sie es nicht auch für merkwürdig, daß jemand mit Ihrer Biographie, jemand also, der sich bisher dem Staat und den Bürgern als untadelig gegenüber verhalten hat, daß so jemand das raffinierteste und teuerste Einbruchswerkzeug in seinen eigenen vier Wänden – ich möchte mal überspitzt sagen – hortet? Ohne das diese Person angeben kann, wofür es diese Dinge verwenden wollte?
Mit Verlaub, Herr Präsident, die Uneindeutigkeiten im Protokoll sind wohl auf die unpräzise Fragestellungen des Herrn Staatsanwaltes und seiner Mitarbeiter zurückzuführen. Er jedenfalls habe sich immer so geäußert, daß er das Gefühl hatte, zur Aufklärung des Falles beitragen zu können.
Aha, also ist es doch ein Fall! frohlockte der Staatsanwalt.

Ja selbstverständlich sei es das. Sonst würde man doch nicht hier zusammensitzen und… Der Präsident unterbrach den Angeklagten mit mißbilligendem Blick auf den Staatsanwalt. Zur Sache. Sie wollten, so haben Sie damals angegeben, die Einbruchswerkzeuge nicht als solche verwenden sondern sich nur in ihrem Umgang üben, um… ja warum eigentlich?

Er hätte ja nie bestritten, antwortete der Angeklagte, daß er eine Verletzung der privaten Sphäre einer anderen Person geplant habe; andererseits wären sowohl jene Person, als auch jene Wohnung, im übrigen auch der Einbruch als solcher, rein fiktiver Natur. Er habe ja schon angegeben, daß es ihm zu einem guten Teil an Phantasie und auch Vorstellungskraft mangele und so sein der einzig gangbare Weg der des physischen Tuns gewesen.

Physischen Tuns? Wenn ihn der Präsident richtig verstehe, meine er so etwas wie ein Simulation?
So könne man das nicht bezeichnen. Eine Simulation, so wie er sie verstehe, sei doch immer eine Art Einübung für eine reale Handlung. Dieses sei aber nicht der Fall gewesen. Da die Person Fiktion sei, sei es folgerichtig auch die Handlung.

Wolle der Angeklagte jetzt behaupten, die Verschwundene sei eine fiktive Person? empörte sich der Staatsanwalt.

Gewiß. Der Angeklagte drehte sich zum Publikum herum und schmunzelte. Hier und jetzt, genauso wie vor Ihrem Eindringen in meine Wohnung war diese Person fiktiv. Ja ich könnte behaupten, auch in der übrigen Zeit, da ich sie ja nicht persönlich kennenlernen konnte. Daß diese Person nicht fiktiv sei, dafür könne allenfalls aus der Tatsache dieser Gerichtsverhandlung geschlossen werden.

Dem Kammerpräsidenten war solcherart Sophismus zwar noch nicht untergekommen, er mochte ihn aber von Minute zu Minute weniger.
Wollen Sie jetzt etwa behaupten, es gäbe gar keinen Fall, weil es kein reales Opfer gäbe? Hatte der Angeklagte nicht
den Aussagen von Angehörigen über die Verschwundene beigewohnt? Habe diese nicht genug Spuren im Leben Anderer hinterlassen, um als real angesehen zu werden? Wolle der Angeklagte sich anmaßen, Personen als fiktiv zu bezeichnen, nur weil er – vorgeblich, muß man ja sagen – ihnen nie begegnet ist? Diese Art von Subjektivismus könne man von Seiten des Kammerpräsidenten aus gerne, oft und ausführlich in philosophischen Proseminaren diskutieren. In einem Gerichtsaal – er versuche es im Guten – haben solche Erörterungen keinen Platz. Man wolle bitte zur Beweisaufnahme zurückkehren und der Angeklagte müsse sich unter Androhung einer Ordnungsstrafe den Gepflogenheiten diesen Gerichts anpassen. (Fragment)

9. Nov 05

Ohne Titel

 

 

 

Das Besondere an jener Bahnstrecke ist die für viele Kilometern direkt nebenan verlaufende Bundesstraße. Dort sehen sich die Gefangenen der kleinen Paralelluniversen aus Blech und Plaste, meist in Einzelhaft, plötzlich einigen Dutzend Beobachtern ausgesetzt. Nicht jeder ist da manierlich oder läßt sich gern beim Nasebohren ausgespähen und den getönten Scheiben traut man nicht. Deshalb wird das Tempo variiert. Sie bleiben mal kurzzeitig zurück, holen dann wieder auf, verschwinden plötzlich nach rückwärts oder auch nach vorne. Als wenn ein hyperaktives Riesenkind seine Spielsachen ohne oder nach einem geheimen Plan hin und her schiebt.
Die Betrachter dieseits der ÖPNV-Trennlinie sind in der besseren Lage: sie wissen ohnehin, daß sie in der Öffentlichkeit weilen. Eingezäunt mit auf Nebensitzen verteilten Rucksäcken lauschen sie in sich hinein: steif mit Knopf im Ohr. Oder üben den Daumen am cell phone. Auch das biedere Buch auf meinen Knien dient heute der Tarnung.
An einem Nachmittag wie diesem ist die blauweißgelbe Blechraupe gut besetzt. Generell sollten in allen von mir genutzten Zügen in jeder Bank zumindest eine Person sitzen, damit ich was zu sehen habe. Ich lasse mich artig bei einem Pärchen nieder, vermutlich Mutter und Tochter, zumindest nach Alter und Vertrautheit. Die mir gegenüber sitzende Mutter ist die ältere Zwillingsschwester von Ulrike Volkert: spitze Nase, hohle Wangen, leicht narbiges Gesicht, groß getuschte dunkle Augen. Die kurzen sehr schwarzen Haare leicht lockig und mit tiefer Haaransatz, fast wie ein Haarteil. Aus der weinroten Lederjacke ragen heraus links und rechts schmale faltige Hände und dann unten ein paar dünne Jeansbeinen. Der gefrorene Blick geht beständig nach draußen, auch im Gespräch. Neben mir die Junge: sie hat ihrer Mutter ein paar Pfunde abgenommen: so bleibt es in der Familie. Sie studiert intensiv das Kinoprogrammheft und vertieft sich in die Rezension eines Films mit „Hochzeit“ im Titel und später irgendwas Martialartiges.
Auf dem Fensterbrett stehen Mutter und Tochter Handtasche. Die aufrechten Henkeln kenne ich aus den sechziger Jahren und sie sehen auf eine merkwürdige Art obzön aus. Die Mutter schließt die Augen, ich lese und schaue oft hin. Zur Kontrolle öffnet sie manchmal ganz schnell ein Lid und läßt es wieder zufallen, wenn sich unsere Blicke treffen. Die Tochter bedenkt mich mit eine paar Seitenblicken. Ich fühle mich behaglich.

7. Nov 05

Barsch

Von der Straße eher ein wenn´s der Hunger treibt Gelegenheitsitaliener ist es drinnen doch wohlgestaltet, gemütlich, hell und das Publikum angenehm. Viele reservierte Tische sprechen eine beredte Sprache.
Die Bedienung erzeugt ein eher rustikales Gemälde mit dicken Lippen, fleischigem runden Gesicht und straffen schwarzen Haaren, bewegt sich jedoch elegant und familär im allabendlichen Hindernisparcour: eher currier de cuisine als Serviererin. Der Ton ist barschikos aber verbindlich. Im Sitzen auf Augenhöhe mit dem Fachpersonal- so liebe ich speisen gehen.
Beide blättern wir eher ziellos durch die dicken Karten und landen schon fast bei Pizza als die mit Block und Stift bewaffnete maîtresse de table streng empfiehlt: „Der Chef hat heute frischen Victoriabarsch gekauft…“ Ich habe vorm Genuß gerne etwas Konversation mit denen, die sich für mich abmühen und äußere deshalb Verwunderung über den Namen. Zu meiner Freude erhalte ich ein kleines Referat über eßbare Raubfische, die auf „Victoria“ hören. Nachdem auch mein Gegenüber sich verwundert über meine Unkenntnis äußert, gebe ich klein bei und beharre nicht auf dem Zusammenhang mit einem großen afrikanischen See.
barsch

 

 

Das Menu ist ansehnlich dekoriert und köstlich. Die Konversation angeregt und anregend. Ich mache wahrheitsgebundene Komplimente. Irgendwann denke ich für eine Zehntel Sekunde an die blaue Ecke eines Cafés.
Die warme Woge bricht sich seit Wochen schon an anderen Stränden.

6. Nov 05

Spiel man!

The secret Word for townight: Ron Spielman. Da versuchte einer, uns mit seiner Stratocaster zu ertränken. Hendrix und Andy Summer drücken sich gegenseitig die Pfanne in die Hand. Das kriecht in die Ohrmuscheln und weiter in die Gehörgänge wie eine Mischung aus Ahornsirup und Whisky. Den beiden Begleitern das Etikett „stocksolide“ anheften zu wollen, wäre unfair: über das gutes Handwerk hinaus sind sie den ganzen Abend auf Ballhöhe und spielen Spielman gekonnt zu. Klangteppich wäre eine verniedlichende Plattitude (im Wortsinn) Der Raum füllt sich von unten bis zur Decke und Du stehst in einem Soundpool. Was geht hier vor? Irgendeine Undercover Aktion, sicher. Wir werden mit Unerhörtem infiltriert und erleben gleichzeitig ein Dauer-deja vú. Sie spielen heute nur Coverversionen von den besseren Bluesohrwürmern. Aber aus Phrasen werden Paraphrasen: Warum klingt das bedeutender und besser als das Original?
Dann singt der auch noch mit einer Stimme, die anders nicht klingen dürfte.
Leider läßt die Enge nur leichtes Rumpfkreisen zu. Eine ältere Frau mit verschmitztem Grinsen neben mir gerät schier aus dem Häuschen: „What kinda music?“. „Rythm & Blues.“ .“Blues? No way!“. „Sorry Ma’am, we’ve got November so we have to get the Blues.“
Gegen zwei Uhr hört die Betäubung plötzlich auf, der Frontman zieht sich eine Trainingsjacke über wie ein Sportler, der sich nicht verkühlen will, geht an die Bar und verschwindet dort einfach. Nun kommt der Schmerz: das war´s schon? Wer füllt mir jetzt die Ohren für den Rest der Nacht? Hoffentlich spielen nicht irgendwo noch ein paar Bekloppte Hunde und verwischen die Tonspuren in meinem Kopf.
In einem postnarkotischen Taumel stehe ich auf der Straße und will nicht nach Hause. Eine ehedem berüchtigte Schülerkneipe gewährt noch ein wenig Unterschlupf mit unterirdischen Frikadellen und Altbierbowle auf Pilsbasis. Ein Kündigungsgrund allemal und auch der Anlaß, sich gegen vier Uhr doch auf die Heimfahrt zu machen.

6. Nov 05

Am Wasser

….Argwöhnisch beäugte sie die Bank auf Verunreinigungen, bevor sie sich vorsichtig am Biertisch niederließ. Ihre blaßgrünen Augen suchten energisch den Himmelsraum nach Störungen ab, aber auch der versprach seinen Beitrag zu einem stimmigen Tag. Sie nahm die um diese Tageszeit noch kaum besuchte Stätte direkt am grauen Wasser in Augenschein und mit einem zufriedenen Nicken gratulierte sie sich zu der richtigen Wahl des Ortes.
Sie wußte, sie war von jener Art weiblichen Erscheinung, die kein heterosexueller Kellner dieser Welt mehr als nur ein paar Augenblicke warten lässt. Und die auch nur für einen Rest seiner Selbstachtung. Der betont lässig Heranschlendernde ließ ebenso betont ziellos seine Augen über die Szene wandern und doch spürte sie seine taxierenden Blicke auf sich wie Liebkosungen. Gerade als er ihren Platz erreichte, drehte sie das Gesicht weg, so dass er seine lange vorbereitete Frage an einen Hinterkopf richten mußte. „Möchten Sie die Karte?“ „Nein, nur was zu trinken.“ „Was kann ich Ihnen bringen?“ „Hm. Was für einen Wein können Sie empfehlen?“ sie wandte schnell den Kopf zu ihm und er war gezwungen, seinen Blick überhastet aus ihrem Dekolleté zu nehmen…

… hafen (pdf, 39 KB)
… still in progress

3. Nov 05

Führerhausquartier

„Holste mal den Akkuschrauber?“
„Wo ist der?“
„Im Führerhaus.“
„Wo?“ Meckerndes Grinsen.
„Führerhaus.“
„Führerhaus hähä!“
„Ja Führerhaus. Führerhausquartier“
„Hä – Führerhausquartier?“
„Ja, der Brummifahrer hat hinter sich ein Lager, ein Quartier im Führerhaus, ein Führerhausquartier, klar oder?“
Anhaltend meckendes Lachen, diesmal aus beiden Mündern…

„Ob man da Schwierigkeiten mit kriegt?“
„Wie, wenn man sich ne Folie schneiden läßt:`Führerhausquartier`, und die dann auf die Heckscheibe klebt?“
Anhaltend meckerndes Lachen aus zwei breit gewordenen Mündern zieht die Neugier des Ein-Euro-Jobbers im Hausmeisterkabuff auf sich wie Marmeladenbrot die Fliege. Auch der „Held der Entsorgung“, der sich nach Mode der Saison in Orangeweiß geworfen hat und sich an einem zerbeulten Müllgefäß zu schaffen macht bleibt nicht unberührt vom Leichtsinn am Mittag.
Das Führerhausquartier dient zwei alternden Abiturienten als Raststätte für Thermoskanne, Coladose und Tupperware bevor sie sich erneut auf das Zahlenrätsel begeben: AS15 – A43 – AB14 – A42 – AB27- A45 – AB12 – A2 – AB16 – A1 – AS80. Und richtig, vor ihnen das Auto mit www.tupperware.de wie schon in der Vorwoche. Mirakulös.

Sie hat wieder zugelegt, schade. Wo bekommt sie diese im Beinumfang mitwachsenden ewig engen Jeans her? Heute konsumiert sie etwas weniger Melancholie. Dafür Beuteltee. Ob sie wieder die Jeansjacke trägt? Ach nein, die Wattejacke der Farbe Schlämm. Außen furchtbar abgesteppt. Auch um die Hüften wird sie langsamer, nun ja. Leibeskummer.
Dann aber: Feierabendentspannung. Sport drei mal die Woche mit zwei Freundinnen. Ergibt neun mal Leiberübung. Bodyformin´, Badmint´n und irgendwas. Im Sportverein. Außerdem haben alle Krebs. Die Nase backbords kräuselt sich, wenn sie das Gesicht zum Grienen verformt. Wer rechts sitzt, bekommt das Beste von ihr gar nicht mit. Rechts von ihr ist immer die Wand mit der kaputten Uhr. Wie komme ich bis dahin?

2. Nov 05

Loch im Tag

Ich habe ein Loch im Tag.
Seit ein paar Jahren ist in jeden Tag
ein völlig rundes Loch gestanzt.
Es wird nicht größer und auch nicht kleiner.
Ich beschatte den Rand, aber er franst nicht aus.
Darin ist tiefe Schwärze mit einigen Konturen.
Du denkst, es hätte einen Namen? Nein, so einfach ist das nicht.
Eigenartig: Das Loch kommt völlig überraschend. Es kündigt sich nicht an.
Der Alltag hetzt im Schweinsgalopp und plötzlich tut sich´s auf –
seitwärts der Spur: morgens oder mittags oder abends.
Da darf´s jedoch kein Loch geben. Ich habe keine Zeit für Löcher.
Alles ist gut. Alles wie besprochen. Königskinder.Müssen. Glücklich. Sein. Jeder. Für. Sich. Das ist Leben aus erster Hand.

Loch verfüllen? Dazu müsste ich die mir Zeit stehlen.
Wenn ich sagen wir um ein Uhr aufsteh´und bis sagen wir um drei Uhr schreibe,
könnte sich das Loch verfüllen.
Ich bin ein schneller Schreiber. Nie zufrieden aber schnell getan.
In diesem Guniversum gilt: Schreiben heißt Leben aus zweiter Hand.
Ich habe Acrylatfarben gekauft.
Ich habe eine Tube aufgeschraubt: riecht auch nach zwanzig Jahren familär.
Die Keilrahmen sehen weiß am besten aus.
Auf dem Tischtuch rascheln die Entwürfe.
Erneut ein Dutzend Gründe, mir die Zeit zu stehlen.
Wenn ich also sagen wir um drei Uhr aufsteh´und sagen wir bis fünf Uhr male,
könnte sich das Loch verfüllen;
ich bin ein schneller Maler. Nie zufrieden aber schnell getan.
Doch auch in diesem Guniversum gilt: Malen heißt Leben aus zweiter Hand.

Ich könnte ja auch ein anderes Leben leben,
sagen wir, gar nicht aufstehen oder früher als sonst.
Gar nicht zum Alltag gehen, warten bis er zu mir kommt.
Dazu müsste ich `ne Menge Zeit mir stehlen.
Ich wäre ein schneller Leber. Nie zufrieden aber schnell gelebt.
Ach, ich fürchte, dann wäre doch bald alles Loch!
Denn auch in diesem Guniversum gilt: Selbst Leben heißt Leben aus zweiter Hand.
Ich könnt´ ja mal `ne andere lieben nur so zum Zeitvertreib.
Keine Königstochter.
Doch dazu müsste ich noch mehr als eine Menge Zeit mir stehlen.
Ich müsste ein schneller Liebhaber sein. Nie zufrieden aber schnell fertig.
Doch auch in diesem Guniversum gilt: Andere lieben heißt lieben aus zweiter Hand.
Ich könnte ja zur Abwechslung mich selbst mal lieben.
Dazu brauche ich fast keine Zeit mir stehlen.
Ich würde mir ein schneller Liebhaber sein. Nie zufrieden aber schnell fertig.
Doch auch in diesem Guniversum gilt: Selbst lieben heißt lieben aus zweiter Hand.
Wir hatten mal einen Golf aus zweiter Hand,
der lebte dreihundertdreissigtausend Kilometer – mit der ersten Maschine!

1. Nov 05

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