Nichts zu sehen, viel zu denken

Sommer ’77: documenta 6:
Ich: Transportarbeiter
mit sogenannt humanistischer, dennoch unerzwungen bildungsferner Schulbildung aus ebenfalls unerzwungen bildungsfernem Elternhaus.
Zuspät-68er:
“gesunde Wut” gegenüber der rheinischen Republik aber auch als Oberbegriff einer Kunstrezeption: Alles >> Schnellstens >> Anders.
Im Kasseler Betrieb, dem ich meine Arbeitskraft entgeltlich zur Verfügung stelle, werden Richard Serras Corstahl-Platten für “Terminal” gearbeitet. Beschäftigte im Werk Rothenditmold schweißbrennern sich zu einem ganz eigenen Kunstbegriff, während sie beim Frühstück noch BILDer fressen und sich fachmännisch ereifern, daß das Zeug nicht lackiert, und somit fahrlässigerweise dem Rost preisgegeben wird. Hingegen ist für sie de Marias “Erdkilometer” keine Kunst. Vice versa, so vermutete ich, wird es bei den Mitarbeitern jener Bohrfirma sein, die “Das Loch” in monatelanger Arbeit in den Gneis treiben. Gemeisamer kleinster Nenner sind “Die Kosten” und ihr Äquivalent in Gespeiste in Bangla Desh. Vorauseilende Lektüre der Lokalpresse: es wird das Wort “entartet” kunstvoll umgangen. Kontroversen um Nam June Paik, Richard Serra, Tausend-Meter-Loch de Marias, Hängung der DDR-Maler.

Eine esoterische Schlange windet sich durch Ebenen und Räume des Fridericianums.
Als Einwohner von Rock City (die Existenzialisten und Hesse fröhlich überspringend – in einem Satz zu Kerouac-Beckett-Arno Schmidt: es ist nicht unbedingt folgerichtig, Beuys’ Honigpumpe als Hauptwerk der d6 zu betrachten; Esoterik, Metaphysik, Versöhnung von Natur und Kultur (-Technik): Dinge, die nicht meinem Paradigma angehören. Das Un-Ironische ist unmodern und rückwärtsweisend, eine Utopie gegen die herrschenden Dystopien. Eine Metaphysik, die im Kontrast zum Zeitgeist über Erkenntnisgewinnung dreist hinausgeht.
Beuys, den ich bislang nur als brachialen Brecher von Kunsttabus wahrnehme: plötzlich Mensch. Schock.

Sommer ’82: a.a.O.: Nichts zu sehen, nichts zu denken
Nach wenig amüsantem Besuch der d7. Ich sitze mit einer Vertrauten in einem Café an der Unteren Karlstrasse. Klaus Staeck im Jackett am Nebentisch. Beuys duckelt herein: Weste/Hut/abgewetzter Aktentasche.
Hier:
schwammeliger Nahostakzent: gebürtigen Dresdners, vogelig, kropfig aufgereckt mit dem Selbstbewußtsein der prozessualen Fremderfahrung – vielfeindvielehr – laut, präsent, agitil, unbekümmert: ein altes Kind der jungen Achziger.
Dort: leise, viel zu hohe Rauhstimme, lächerlicher Niederrheinakzent, klein, biegsam, halslos.
Und doch: den Raum füllt seine Präsenz.
Obwohl:
Sein Beitrag zur d7 ist ganz und gar unartifiziell: Geldeintreiben für ein paar Tausend Eichensetzlinge. Wiederum ganz und gar unironisch. Siebentausend Basaltblöcke nehmen die Bewohner der Stadt in Geiselhaft.
Immer noch wenig vertraut mit Ikonographie und zeitkonformer Rezeption “moderner” Kunst empfinde ich Beuys’ Werk als wahr. Vor den Kaspereien Keith Harings, vor Jenny Holzers lyrischen Stickereien. Vor der verstörenden Sepia-Pracht der Becherschen Industriefotographie.
Ich verstehe plötzlich.

4 Kommentare to “Nichts zu sehen, viel zu denken”

  1. Ich bin erkaeltet (Gast)

    “Und doch: den Raum füllt seine Präsenz.”
    Vielleicht auch nur ein Fall akuten Übergewichts?
    Ich denke mir meine wenigen sinnvollen Begegnungen und Konversationen leider immer aus. Bin in Wirklichkeit sehr schüchtern. Da muss man mich nur anknurren, da sitz ich schon auf dem nächsten Baum.

  2. Grau

    Liebe Erkältete,
    vielleicht sollten Sie bei Ihrer nächsten realiter-Begegnung ihre Ausdenkungen einbringen? Die Ebenen könnten sich durchaus fruchbar durchdringen. Ich würde darauf setzen.

  3. 500beine (Gast)

    87. wir waren 87 in kassel. das sensationellste war unser welpe,
    der durch den schlosspark kotzte von der langen autofahrt.

  4. Grau

    Ich hoffe,
    … nur wegen der Autofahrt. Allerdings: so richtig erinnern tue ich auch nur das 16mm-Filmchen von Fischli/Weiß “Lauf der Dinge” .

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